Die SORIWA GmbH aus dem Münsterland hat mit dem SORIWA Multi-System ein stahlfreies Montagesystem für den Trockenbau entwickelt. Im Interview berichten die Gründer Michael Sommer und Andreas Ridder über die Idee, die Forschungsarbeit und die Vision einer „grünen“ Trockenbauwand.
Herr Sommer, Herr Ridder, was war der Ausgangspunkt für Ihre Entwicklung?
Michael Sommer: Die Ausgangsfrage war eigentlich sehr einfach: Brauchen wir im Trockenbau wirklich Stahl? Über Jahrzehnte haben sich Metallprofile als Standard durchgesetzt. Aber jeder, der sich mit Ressourcen, Klimabilanzen und Kreislauffähigkeit beschäftigt, weiß: Stahl ist energieintensiv in der Herstellung, aufwendig im Recycling und nicht immer die optimale Lösung für den Innenausbau.
Andreas Ridder: Uns war klar, dass wir den Trockenbau noch einmal grundsätzlich neu denken müssen. Wir wollten herausfinden, ob es eine Alternative gibt, die funktional gleichwertig oder sogar besser ist – aber eben aus einem Werkstoff, der Ressourcen schont und neue Perspektiven eröffnet.
Warum fiel die Wahl auf Zellstofffasern?
Ridder: Zellstofffasern sind zunächst ein naheliegender Gedanke, wenn man kreislauffähig arbeiten will. Sie stammen aus Recyclingströmen, sind verfügbar und lassen sich gut in Form bringen. Aber es war keineswegs so, dass wir sofort die perfekte Lösung hatten. Am Anfang stand ein langer Prozess aus Materialtests, Fehlversuchen und Optimierungen.
Sommer: Die größte Herausforderung war, dass wir Fasern nicht wie Holz behandeln dürfen. Holzprofile gibt es bereits, aber Zellstoff ist ein ganz eigener Werkstoff. Wir mussten also eine Geometrie entwickeln, die den Fasern Stabilität gibt, wir mussten Schichtaufbauten konzipieren und Verbindungsmittel einsetzen, die ein tragfähiges Bauteil ergeben. Erst nach vielen Versuchen haben wir ein Profil entwickelt, das den Anforderungen des Trockenbaus entspricht.
Können Sie ein Beispiel für diese Herausforderungen geben?
Sommer: Ein klassisches Thema war die Feuchtigkeit. Fasern sind hygroskopisch, sie nehmen Wasser auf. Wir mussten also sicherstellen, dass das Profil auch unter Baustellenbedingungen seine Form und Tragfähigkeit behält. Das bedeutete: intensive Prüfungen im Labor, Anpassungen in der Fertigung und immer wieder Rückkopplung mit Forschungseinrichtungen.
Ridder: Ein anderer Punkt war die Normung. Trockenbauprofile sind in Deutschland klar definiert. Wenn man plötzlich ein völlig anderes Material einführt, muss man nachweisen, dass es denselben Anforderungen genügt – oder sie übertrifft. Brandschutz, Tragfähigkeit, Verarbeitung: All das wurde geprüft, bevor wir den Schritt zur allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung gehen konnten.
Wie hat sich aus dem Profil ein ganzes System entwickelt?
Ridder: Am Anfang stand tatsächlich die Idee, einen Ersatz für CW-Profile zu entwickeln. Aber sehr schnell haben wir gemerkt: Wenn wir wirklich eine Alternative schaffen wollen, brauchen wir ein komplettes System. Denn Trockenbau funktioniert modular – Profile, Verbinder, Verstärkungen.
Sommer: Daraus entstand das Multi-System. Wir haben einen Verbinder entwickelt, der die Rahmenkonstruktion ohne klassische UW-Profile ermöglicht. Und wir haben den Kern konzipiert, der an stark belasteten Stellen wie Türöffnungen eingesetzt wird. So entsteht ein vollständig stahlfreies Ständerwerk. Dieser Systemgedanke war ein entscheidender Schritt.
Welche Reaktionen haben Sie in der Praxis erlebt?
Sommer: Am Anfang natürlich Skepsis. Viele Handwerker konnten sich nicht vorstellen, dass Fasern Stahl ersetzen können. Aber sobald sie das Material selbst in der Hand hatten, hat sich die Sicht verändert. Die Profile sind leichter, man kann sie mit den üblichen Werkzeugen bearbeiten, und es gibt keine scharfen Kanten – das überzeugt in der Praxis.
Ridder: Wichtig war auch: Wir haben kein völlig neues Bauverfahren erfunden. Alles funktioniert so, wie die Handwerker es kennen. Das macht den Einstieg einfach. Innovation bedeutet für uns nicht, dass man alles umwirft, sondern dass man Bestehendes besser macht.
Sie sprechen von der „grünen Wand“. Was steckt hinter dieser Vision?
Ridder: Mit dem Multi-System haben wir einen großen Schritt gemacht. Aber unser Ziel ist weiter gesteckt. Wir wollen eine Wand, bei der nicht nur die Profile, sondern alle Komponenten kreislauffähig sind – bis hin zur Platte und Dämmstoffen.
Sommer: Das nennen wir die „grüne Wand“. Ziel ist, dass künftig eine komplette Innenwand aus Materialien besteht, die sich in den Kreislauf zurückführen lassen. Unser Multi Profil ist der erste Baustein dafür. Entscheidend ist für uns: Diese neuen Werkstoffe dürfen nicht erheblich teurer sein als heutige Standardartikel und sie müssen sich mit denselben Werkzeugen und Handgriffen verarbeiten lassen. Wir wollen Systeme entwickeln, die ökologisch zukunftsfähig sind, ohne für Planende und Handwerker zum Kosten- oder Aufwandstreiber zu werden. Unsere Vision ist eine Bauweise, die wirtschaftlich, praxisgerecht und gleichzeitig kreislauffähig ist – weg vom linearen „Rohstoff rein, Abfall raus“, hin zum geschlossenen Materialkreislauf.
Ein letzter Blick zurück: Was war der wichtigste Moment in Ihrer Entwicklung?
Sommer: Für mich war es der Tag, an dem wir den ersten kompletten Raum mit unserem System gebaut haben. Plötzlich war die Idee Realität. Wir konnten sehen, fühlen und messen, dass es funktioniert und gleichzeitig erleben, wie selbstverständlich sich das Material verarbeiten lässt. Besonders eindrücklich war die Reaktion des Trockenbauers, der zunächst skeptisch war und dann mit sichtbarer Begeisterung weiterarbeitete. Er sagte uns später, er habe sich beim Arbeiten fast wie der „MacGyver des Trockenbaus“ gefühlt – weil er mit einfachen Mitteln plötzlich ganz neue Möglichkeiten hatte. In diesem Moment wurde klar: Unser Konzept funktioniert nicht nur im Labor, sondern überzeugt auch auf der Baustelle.
Ridder: Für mich war es der Moment, als die bauaufsichtliche Zulassung erteilt wurde. Damit war klar: Es ist nicht nur eine Vision, sondern ein zugelassenes Bauprodukt, das in der Praxis eingesetzt werden kann.
Und ein Blick nach vorn?
Ridder: Wir stehen erst am Anfang. Das Multi-System ist ein Fundament. Aber die Entwicklung geht weiter – mit neuen Bauteilen, mit Partnern aus der Forschung, mit Pilotprojekten. Wir wollen zeigen, dass ressourcenschonendes Bauen kein Kompromiss ist, sondern ein Fortschritt.
Sommer: Und wir wollen Handwerkern, Planern und Architekten ein Werkzeug geben, mit dem sie diesen Fortschritt sofort in der Praxis umsetzen können. Das ist unsere Motivation.